Shot by Ingo

Bewusstheit und Bewusstsein – Zwei Arten von Präsenz

Geschrieben von Ingo Bollhoefer | 16.05.2026 14:25:40

Zwei Wörter, die fast gleich klingen.

Bewusstheit. Bewusstsein.

Im Alltag verwenden wir sie austauschbar. Im Shooting wird der Unterschied plötzlich sichtbar. Bewusstheit ist das aktive Wahrnehmen. Der wache Blick. Das Registrieren und Spüren dessen, was gerade ist. Bewusstsein ist der Zustand dahinter. Das Da-Sein. Das stille Wissen darum, wer man gerade ist. Das eine ist Tätigkeit. Das andere ist Sein. Und genau zwischen diesen beiden entsteht ein Portrait.

Bewusstheit – die Wachheit des Fotografen

Wenn ich fotografiere, bin ich bewusst. Ganz bewusst. Ich sehe das Licht, das sich verändert. Ich höre, wann die Atmung ruhiger wird. Ich spüre, wann der Mensch vor meiner Kamera bei sich ankommt. Bewusstheit heißt: aufmerksam sein, ohne zu bewerten. Im Raum sein, ohne ihn zu füllen.

Ich beobachte, ohne zu starren. Ich variiere die Distanz und den Winkel ohne zu bedrängen. Ich warte, ohne ungeduldig zu werden. Mein Werkzeug ist nicht nur die Kamera. Es ist auch die Stille zwischen den Auslösungen.

Bewusstsein – das Da-Sein des Portraitierten

Vor der Kamera passiert etwas anderes. Wer sich portraitieren lässt, kann nicht „aktiv" anders  sein. Schauspielern hilft nicht. Posieren erst recht nicht. Was zählt, ist Bewusstsein. Das ruhige Anwesendsein. Das Aushalten dessen, was da ist – ohne sich davor zu verstecken. Und manchmal gerade dann in die Bewegung gehen.

Mit János war das spürbar.

Er hat nicht versucht, etwas darzustellen. Er war einfach da. Ganz und gar. Und dieses Da-Sein – nicht die schönste Pose, nicht der beste Winkel – ist es, was sich auf den Bildern zeigt.

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Wenn beides sich trifft

Ein Portrait gelingt nicht, wenn nur ich wach bin. Es gelingt auch nicht, wenn nur der andere bei sich ist. Es gelingt, wenn beides zusammenfindet. Meine Bewusstheit trifft auf sein Bewusstsein. Mein Hinsehen trifft auf sein Da-Sein. In diesem Moment passiert etwas, das sich nicht inszenieren lässt. Etwas, das nicht geplant werden kann. Etwas, das einfach ist – und dann fotografiert werden will. Vielleicht ist das das Geheimnis. Ein Bild entsteht nicht zwischen Fotograf und Motiv. Es entsteht zwischen zwei Formen von Präsenz.

Am Ende bleibt ein Bild – und der Moment davor

Wenn ich später durch die Bilder gehe, sehe ich nicht nur, wie jemand aussieht. Ich sehe, wie er da war. Ob er sich gezeigt oder versteckt hat. Ob er bei sich war oder neben sich. Ob das Bewusstsein wirklich anwesend war – oder nur ein Lächeln dafür gestanden ist.

Bei János ist es eindeutig.

Die Bilder zeigen einen Menschen, der nicht so tut. Der nicht performt. Der einfach ist. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Form von Präsenz, die ein Portrait einfangen kann 

Die Bilder in diesem Blog-Post stammen aus dem Portrait Shooting mit dem Coach, Dozent und Autor János Jungluth im Mai 2025. Aktuelles Buch "DAS KRIEGSKIND". Danke an Caro für die BTS Shots!